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"Mass-Namen", 1995 - [
Videodokumentation]
3-Waege-Videoinstallation;
64 TTL Siebensegmentanzeigen (Leuchtzahlen), 3 Monitore mit Lautsprechern, 3 Videoplayer, Relais, Holz, Plexiglas, Kabel, 3 VHS/Pal Videokassetten: 1. elektronen-mikroskopisch vergrößerte Aufnahmen von Viren, 2. Porträts der Regierenden Politiker der G7 Staaten im Jahre 1995, 3. Aufnahmen von Pflanzen aus der europäischen Region; Maße:ca.100 x180 x180 cm
Auf einer durchsichtigen, runden Tischplatte sind die 64 Werte der Booleschen Wahrheitstabelle, symbolisiert durch die roten Leuchtziffer "0" und "1" ("wahr" und "falsch") in 16 Reihen angeordnet. Um den Tisch herum sind drei Stühle aufgestellt, deren Sitzflächen durch Monitore ersetzt sind. Standbilder von Pflanzen, von Politikern derG7 Staaten und elektronenmikroskopisch vergrößerte Aufnahmen von Viren wechseln im Uhrzeigersinn, in einem gleichbleibenden Rhythmus die Stühle. Der endlose, dynamische Informationsfluss wird begleitet von einer Frauenstimme, die die jeweiligen Namen und Bezeichnungen verliest, die gleichzeitig auf den Monitoren als Schriftbänder nachzulesen sind. Jeder Bildwechsel ist gekoppelt an die Wahrheitstabelle und bewirkt, dass alle Zahlenwerte in ihr Gegenteil wechseln.
Die Arbeit führt für mich zum Nachdenken über die digitale Revolution der Kommunikation und die daraus resultierende neue soziale und politische Ordnung. Wenn es auch wahr ist, dass der Fluss von Informationen in unvorstellbarem Ausmaß zugenommen hat und dass der Raum durch die Geschwindigkeit der Telematik praktisch gegen Null tendiert, so ist auch wahr, dass ein großer Teil der Menschheit sich immer weniger aktiv und selbstbewusst Wissen aneignet und diese Informationen nutzt. Es scheint, dass sich statt einer dialektischen eine dichotomische, miteinander nicht kommunizierende Beziehung entwickelt hat zwischen der analogen Welt (in der Biologie eingeteilt in: Konsumenten/ "Regierende der G7 Staaten", Destruenten/ "Viren", Produzenten/ "Pflanzen")1 und der digitalen Welt, also der Rationalität, der formalen Logik, die nach dem ausschließlichen Prinzip "wahr" oder "falsch" der Booleschen Wahrheitstabelle funktioniert.2 Paul Virilio formulierte diesen Gedanken in seiner Frage, ob die immer schneller werdende telematische Gesellschaft mit ihrer weltumspannenden Realzeit-Gleichzeitigkeit nicht gleichermaßen zur Erstarrung, zum "rasenden Stillstand" tendiert.3
Costantino Ciervo Berlin, im Januar 20021- Siehe obige Beschreibung der Videoinstallation Mass-Namen.
2- Die Boolesche (oder logische) Algebra beruht auf der Grundlage binärer logischer Operationen und bildet somit eine mathematische Struktur, die lediglich auf den Zahlen "0" und "1" beruht. Diese beiden Zahlen repräsentieren die Wahrheitswerte "TRUE" (1) und "FALSE" (0), welche man "Boolesche Konstanten" nennt.
3- Paul Virilio: Rasender Stillstand, Essay, 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1997 (frz. Erstveröffentlichung 1990)
...Um dem kritischen Potenzial des postmodemen Diskurses wirklich gerecht zu werden, muss man den Blick zunächt auf die modernen Formen der Souveränität richten. Wie die vorangegangenen Abschnitte gezeigt haben, ist die Welt der modernen Souveränität eine manichäische Welt, die in eine Reihe binärer Oppositionen aufgeteilt ist, welche das Ich und den Anderen, Weiß und Schwarz, Drinnen und Draußen definieren. Das postmodeme Denken stellt nun genau diese binäre Logik der Moderne in Frage und liefert in dieser Hinsicht denjenigen, die gegen die modernen Diskurse des Patriarchats, des Kolonialismus und des Rassismus ankämpfen, wichtige Ressourcen. Im Kontext postmodemer Theorien sind es offenbar die Hybridität und die Ambivalenzen unserer Kulturen und unserer Zugehörigkeitsgefühle, welche die binäre Logik von Ich und Anderem, die hinter den mo-dernen kolonialistischen, sexistischen und rassistischen Konstrukten steht, in Frage stellen. Ähnlich widersetzt sich das postmodeme Beharren auf Differenz und Besonderheit dem Totalitarismus universalisierender Diskurse und Machtstrukturen; die Betonung fragmentierter gesellschaftlicher Identitäten erscheint als Mittel, um die Souveränität sowohl des modernen Subjekts wie des modernen Nationalstaats mitsamt den damit verbundenen Hierarchien anzufechten. Diese kritische Sensibilität der Postmodeme ist in unserem Zusammenhang besonders wichtig, weil sie die Behauptung (oder das Symptom) eines Bruchs im Hinblick auf die gesamte Entwicklung moderner Souveränität darstellt...
Antonio Negri, Michael Hardt, Empire, Die neue Weltordnung, Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2000, S.152