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text: (German) (English) © Thomas Wulffen (Katalog, Costantino Ciervo "Cogito Ergo Sunt -Neue Installationen, Objekte und Zeichnungen", Fine Art Rafael Vostell, Berlin 1997).
Die Erklärung ist ein gutgekleideter Irrtum
Julio CortazarCogito
"Ich denke, es braucht keinen Titel. Die Dinge sind so komplex, dass wir ihnen möglichst ohne einen Titel begegnen sollten, jeder Titel führt doch in eine spezifische Richtung und lässt es fast nicht zu 'die Laufrichtung zu ändern'. Das soll nicht heißen, wir verzichten auf Begriffe, denn, wir können uns dagegen sträuben wie wir wollen, unsere Erkenntnis, unsere Wahrnehmung bleibt begrifflich gebunden."Das Cogito von Rene Descartes steht am Beginn des neuzeitlichen Rationalismus. Und doch ist gerade der Rationalismus von Descartes geprägt von Metaphysik. Es mussten erst die französischen Aufklärer kommen, um das cartesische Programm gegen ihren Urheber zu wenden, indem sie sich Locke und Newton zuwandten. Wo Descartes noch 'Fabeln von der Welt' sah, entdeckten die Enzyklopädisten in der gesamthaften Darstellung der Welt ihr Heil und schufen damit die sogenannten Wissenschaften. Der Gott Newtons ist nicht der Gott Descartes, die res extensa enthält auch die res cogitans und der cartesianische Dualismus löst sich in nichts auf. Aber jedes Denken gegen Descartes bleibt auf ihn bezogen. "Du kannst daraus erkennen, wie das Cogito, diese menschliche Unternehmung par excellence, sich heute in einer ziemlich vagen Region ansiedelt, zwischen Elektromagnetismus und Chemie, und es unterscheidet sich vermutlich weniger, als wir dachten, von solchen Dingen wie Nordlicht oder einem Foto mit Infrarotstrahlen. Da schwindet dein Cogito dahin, Glied des schwindelerregenden Kräfteflusses, dessen Stufen im jähre 1950 inter alias Elektroimpuls heißen, Moleküle, Atome, Neutronen, Protonen, Potironen, Mikroknöpfe, radioaktive Isotopen, winzige Teilchen Zinnober, kosmische Strahlen: Words, words, words, Hamlet, zweiter Akt, glaube ich. "lässt Julio Cortazor Oliveira in seinem Roman 'Rayuela' sagen.
Und die Arbeiten Costantino Ciervos sind ein Reflex auf dieses Denken. Sie sind auch eine Art archäologischer Prozess. In ihm tauchen viele unterschiedliche Stimmen, Formen und Gebärden auf, im übertragenen und wörtlichen Sinne. Das Bild der Wirklichkeit lässt sich nicht mehr in einem kohärenten Bild festhalten, sondern in vielen, zum Teil inkohärenten Bildelementen, die ein Medium bilden. Es muss von einem Medium gesprochen werden, weil das einzelne Werk von Costantino Ciervo aus Elementen zusammengesetzt wird, die sich scheinbar widersprechen. In diesem Sinne: "Die Archäologie: eine vergleichende Analyse, die nicht dazu bestimmt ist, die Unterschiedlichkeit der Diskurse zu reduzieren und die Einheit, die sie totalisieren, zu zeichnen, sondern dazu, ihre Unter-schiedlichkeit in verschiedenen Gestalten aufzuteilen. Der archäologische Vergleich hat keine vereinheitlichende, sondern eine vervielfachende Wirkung." (Michel Foucault: Archäologie des Wissens).
Ergo
Costantino Ciervo "Cogito ergo sunt", 1997
Fotoinstallation: Ein Foto, sechs Fotorollbänder mit Aufnahmen von Händen und dem Bauchnabel eines Kindes, sieben Sieben-Segment-Großanzeigen, ein Monitor, Buchstaben aus Holz, ein Videoplayer, eine Videokassette mit Architekturaufnahmen und vom Künstler verfasstem Text über Politik und Wissenschaft, ein Computer mit Relais-Steuerung, ein Netzteil, Plexiglas.
Die technische Umsetzung ist das eine, dieser technischen Umsetzung aber geht ein bestimmtes Denken voraus. Das gilt nicht nur für die Arbeit von Costantino Ciervo selbst, sondern auch für das darin Abgebildete. Indem der Künstler eine Verknüpfung vornimmt zwischen Text, Bild und Foto, wird zwischen diesen einzelnen Elementen vermittelt. So wird die herrschaftliche Architektur des Quartiers 205 an der Friedrichstrasse, erbaut von Oswald Matthias Ungers, durchbrochen von sechs Fotobändern. Auf den vorbeilaufenden Fotobändern sind die Hände und der Bauch eines Kindes abgebildet. In ihnen erscheint eine Reminiszenz an die Putten der Spätrenaissance, wogegen das Bauwerk von 0. M. Ungers an die Villen Andrea Palladios verweist. Beide Referenzen sind Abbildungen. Die Architektur allerdings "erscheint vorteilhafter aus dem Auto, photographiert, gefilmt, im Modell: sobald sie nicht umgebende, sondern gegenüberstehende, fremde, bildhafte Wirklichkeit ist, nur ästhetisch und statistisch vorhanden. Mehr nur abstrakt vorhanden sind Bewohner und Benutzer auch dem "neuen bauen": dessen Hauptgedanke, dass aus den Funktionen sich die Formen ergeben, ist einlösbar erst auf einer Ebene von Abstraktion." schreibt Helmut Färber 1977 in seinem Buch 'Baukunst und Film - Aus der Geschichte des Sehens'. Der Abstraktionsgrad hat zugenommen, an Qualität und Quantität. Diese Steigerung wird und ist virulent in Berlin und sie wird durch das computergenerierte Gestalten noch potenziert. Costantino Ciervo zerstört diese Abstraktion, indem er in das Bild eingreift. Das Bild wird zur Metapher und diese Metapher ist Berlin, als Schnittpunkt zweier Sphären, des Neoliberalismus im Westen und des klassischen Neokapitalismus im Osten. Architektur gibt davon ein Abbild, weil sie wesentlich Architektur der kommenden Kapitale und des jetzigen Kapitals ist.Sunt
"Sie sind. Unterschiedliche Stimmen gestalten den Text. Es gibt keinen auktorialen Erzähler mehr, genauso wenig wie es ein Subjekt gibt. Das Subjekt ist eine Fiktion, die Realität ist mehrschichtig."Die Dualität des cartesischen Systems, sichtbar in der Differenz zwischen Körper und Geist, bewahrt sich in der Dualität des digitalen Zeitalters. Zwei Zustände, 0 und 1, bilden die Basis dieses Systems. Costantino Ciervo verweist in der Arbeit ,Cogito ergo sunt' durch eine Übersetzung von Text in den digitalen Code darauf. Jeder einzelne Buchstabe der Textzeile im unteren Bereich der Arbeit wird durch eine Kette digitaler Ziffern im oberen Bereich repräsentiert.
"Im April 1969 schickte Steve Crocker von der University of California, Los Angeles (UCLA) eine Bekanntmachung an andere Mitglieder seiner Network Working Group (NWG). Diese Gruppe spielte bei der Entwicklung des Netzes eine Schlüsselrolle. Crockers Dokument (das inzwischen als RFC Nr. 3 bezeichnet wird) skizzierte die grundlegenden Regeln für den Austausch von Informationen und Anregungen zu diesem Netzwerk, aus dem innerhalb von weniger als drei Jahrzehnten "das Netz" wurde." schreiben Thomas Mandel und Gerard van der Leun in "Die zwölf Gebote des Cyberspace". RFC übersetzt sich in Request for Comment und bedeutet im Deutschen "Aufruf zur Stellungnahme". Kunstwerke und insbesondere die von Costantino Ciervo sind ebenfalls Aufrufe zur Stellungnahme. Sie sind ein Statement als spezifische Reaktion auf eine Situation und fordern den Betrachter auf ebenfalls zu reagieren, mit uneingeschränktem Zugang sowie weitentgehender Gedanken- und Redefreiheit, wie es im RFC Nr. 3 schon formuliert wurde.
Dreihundert Jahre nach dem Versuch Rene Descartes, sich seiner selbst zu vergewissern, unternimmt der Wiener Philosoph Ludwig Wittgenstein, kurz vor Ende seines Lebens, einen weiteren Versuch Gewissheit zu erlangen. In seinen Aufzeichnungen, veröffentlicht unter dem Titel "Über Gewissheit" findet sich unter der Ziffer 204 folgende Bemerkung: "Die Begründung aber, die Rechtfertigung der Evidenz kommt zu einem Ende;-das Ende aber ist nicht, dass uns gewisse Sätze unmittelbar als wahr einleuchten, also eine Art Sehen unsrerseits, sondern unser Handeln, welches am Grunde des Sprach-Spiels liegt."
© Thomas Wulffen 5/97
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(English)
Explanation is a Well-Dressed Error
Julio Cortazar
"I think there is no need for a title. Things are so complex that whenever possible we should meet them without a title. Every title leads in a specific direction and almost always prevents us from altering course. But that does not mean we shall reject concepts, for we may resist as much as we will, but our insights, our perception remain conceptually bound."
Cogitoby Rene Descartes originated modern rationalism. And yet Descartes' rationalism in particular is characterised by metaphysics. It was not until the French philosophers of the Enlightenment that the Cartesian programme was turned against its originator in a new study of Locke and Newton. Where Descartes still sow 'fables of the world', the Encyclopaedists sought their salvation in the most conceivably complete description of the world, thus creating the so-called sciences. The God of Newton is not the God of Descartes, the res extensa also includes the res cogitans and Cartesian dualism resolves into nothing. But all thought contrary to Descartes still continues to refer to him.
In his novel 'Rayuela', Julio Cortazar puts the following words into the mouth of his character Oliviera: ,,So you can see how today the Cogito, that piece of human endeavour par excellence, is situated in a somewhat vague region, between electro-magnetism and chemistry, and probably it differs less than we once thought from the northern lights or a photo with infra-red rays. Thai's is where your Cogito is vanishing to, part of the dizzying flow of force and its stages - known, inter alias in the year 1950, 05 electro impulses, molecules, atoms, neutrons, protons, potirons, micro buttons, radioactive isotopes, minute particles of stuff, cosmic rays: Words, words, words, Hamlet, Act Two, I believe." And the works by Costantino Ciervo ore a response to this way of thinking. They are also a form of archaeological process. Many different voices, forms and gestures appear in this process, both literally and metaphorically. The picture of reality can no longer be captured in a coherent image, but in many, partly incoherent pictorial elements forming a medium. It is necessary to refer to a medium, because each individual work by Costantino Ciervo is composed of elements which appear contradictory. In this sense: ..Archaeology: a comparative analysis, which is not destined to reduce the differences in discourse and to outline the unity they amount to, but to divide their variability into different forms. The effect of the archaeological comparison is not unifying, but multiplying. " (Michel Foucault: The Archaeology of Knowledge).Ergo
Costantino Ciervo ,,Cogito ergo sunt", 1997
Photo-installation: a photo, six photographic roll tapes with shots of the hands and the navel of a child, seven large seven segment indicators, a monitor, woo-den letters, a video-player, a video cassette with shots of architecture and a text about politics and science written by the artist, a computer with relay drive, a power pack, plexiglass.Technical realisation is one thing, but this technical realisation has been preceded by a particular way of thinking. This is not only true of the work by Costantino Ciervo itself, but also of what it depicts. By making associations between text, picture and photo, the artist mediates between these individual elements. Six photo tapes cut through the elegant architecture of the accomodation at 205 FriedrichstraBe, built by Oswald Matthias Lingers. The passing topes depict the hands and the stomach of a child. These are a recollection of the cherubs of the late Renaissance, whilst the building by 0. M. Lingers points to villas by Andrea Palladio. Both references are reproductions. However, the architecture ..appears more favourably horn the car, photographed, filmed, in the prototype: as long as it is not reality surrounding, but facing us - strange, picture-like, present only aesthetically and statistically. The inhabitants and the users are even less present, only in the abstract, in ,,new building" as well: the main idea of which, that forms emerge from functions, is only possible to fulfil on the level of abstraction." These are the words of Helmut Färber in his book 'Building Art and Film - from the History of Seeing' (1977). The degree of abstraction has increased, in quality and in quantity. This increase is and will continue to be virulent in Berlin, and it is potentiated even more by computer generated design. Costantino Ciervo destroys this abstraction by intervening in the image. The image becomes a metaphor and this metaphor is Berlin; the interface of two spheres, of neoliberalism in the west and classical neocapitalism in the east. Architecture offers a reflection of this, because it is essentially the architecture of the coming capitals and of the present capital.
Sunt
"They are. Different voices fashion the text. There is no longer an authorial narrator, just as there is no subject. The subject is a fiction, reality is multi-layered."
The duality of the Cartesian system, visible in the difference mode between body and spirit, has been retained in the duality of the digital age. Two states, 0 and 1, form the basis of this system. In his work 'Cogito ergo sunt', Costantino Ciervo refers to this by translating a text into the digital code. Each individual letter from the line of text at the bottom of the work is represented by a chain of digits in the upper section.
In "The Twelve Commandments of Cyberspace", Thomas Mandel and Gerard van der Leun wrote: "ln April 1969, Steve Cracker from the University of California, Los Angeles (UCLAj sent an announcement to the other members of his Network Working Group (NWGj. This group played a key role in the development of the Net. Cracker's document {which is now referred to as RFC No. 3) sketches basic rules for the exchange of information and ideas concerning this network, from which, 'the Net' then developed in less than three decades." RFC may be translated as ..request for comment". Works of art - particularly those by Costantino Ciervo - are also requests for comment. They are a statement as a specific reaction to a situation and they demand a reaction from the viewer; with unlimited access and the greatest possible freedom of thought and speech, as RFC No. 3 had already formulated.
Three hundred years after Rene Descartes' attempt to assure himself of his own existence, the Vienna philosopher Ludwig Wittgenstein, shortly before the end of his life, made a second attempt to achieve certainly. The following comment may be found in number 204 of his notes, which were published under the title "0n Certainty": "But the argumentation, the justification of the evidence comes to an end: but it is not that end which makes certain sentences immediately appear true to us, that is, a form of seeing on our part, but it is our actions which form the basis to the linguistic game."
© Thomas Wulffen 5/97