Costantino Ciervo
Kataloge ]Biographie ][ Werke]Arbeiten auf Papier ]Bibliographie ]Werkliste Videos  ][ Kontakt ][ Interwiews ]Impressum ] ][Home]
größer   größer   größer
         
größer   größer   größer

[ Videodokumentation Förderkoje ArtCologne 1997]

Gefangener der Kunst, 1997
9 Monitore, 2 Fotos, "Vivisection" original VHS-Video von Costantino Ciervo, Videokopie von Leni Riefenstahl's "Triumpf des Willens" )
- 100x330x50 cm.
1997 zeigte Ciervo auf der Art Cologne in einer Förderkoje die provokante Videoinstallation "Gefangener der Kunst 8.11.97 " in der er sich vordergründig mit der jüngeren deutschen Geschichte, NS-Zeit und RAF- Terrorismus der 70er Jahre und den Ereignissen im "Deutschen Herbst" 1977 auseinandersetzt. Grundthema der Arbeit ist die Vergangenheitsbewältigung, zum einen in Bezug auf die kollektive Geschichte, zum anderen im Hinblick auf die individuelle Lebensgeschichte jedes Menschen. In der gefährlichen Spaltung von Sprache und Persönlichkeit liegt nach Meinung Ciervos die Ursache für die Verdrängung. Um dies zu verdeutlichen, werden auf sechs Monitoren, unwillkürlich aus einem Wörterbuch entnommene Begriffe, eingeblendet, die gleichzeitig von einer monoton klingenden Frauenstimme vorgelesen werden. Drei weitere Monitore, im mittleren Teil der Arbeit angebracht, zeigen den NS-Propagandaflim "Triumph des Willens" von Leni Riefenstahl. Ciervo geht es nicht um die Gleichsetzung von rechtem NS-Terror und politisch motiviertem Linksterrorismus, sondern generell um das Problem eigenverantwortlichen Handelns. Jeder Mensch trägt moralische Verantwortung im Umgang mit der Geschichte sowie bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die Videoinstallation "Gefangener der Kunst 8.11.99" ist nicht zuletzt auch eine selbstkritische Befragung des Künstlers, der sich mit Hilfe digitaler Bildbearbeitung, zweifach in dokumentarische Originalfotos von der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer am 5. September 1977 in Köln, integriert hat. Paradoxerweise stellt Ciervo sich erst im Foto vom Originalschauplatz der Entführung als getötetes oder schlafendes Opfer dar. Dann setzt er sein Porträt an die Stelle Schleyers in Gefangenschaft der Entführer. Das bekannte Originalfoto vom 6. September 1977 war ein Beleg dafür, daß Schleyer noch lebendig war, um gegen die in Stammheim einsitzenden RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe ausgetauscht zu werden. Die Ambivalenz der Täter-Opfer-Rolle im Falle Schleyers, eines ehemaligen SS- Mannes und reaktionären Arbeitgeberfunktionärs, der durch drei Kopfschüsse 43 Tage nach seiner Entführung zum Opfer der Terroristen wurde, wird deutlich. Vor dem Hintergrund des Verhältnisses von Staat und Individuum befragt Ciervo zugleich die eigene Rolle als "frei-schaffender" Künstler im Hinblick auf Ambivalenzen. Die Grenzen der schöpferischen Freiheit werden diktiert von den Gesetzen des Marktes.

Manuela Lintl, 1998