Costantino Ciervo
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[Videodokumentation]

Exodus, 2007
Videoobjekt
Bildröhre Mini-TV (schwarz-weiß) ohne Gehäuse, handgefertigte afrikanische Holzschale, Sand, Holzsockel, DVD-Player, Videoloop ca. 1 Min.
29 x 28 x 65 cm (mit Holzsockel)
18,5 x 24,5 x 60 cm (Objekt)

Die Arbeit besteht aus einer handgefertigten, afrikanischen Holzschale (Boot), die bis zur Hälfte mit Sand gefüllt ist. Aus dem Sand ragt eine Mini-TV-Bildröhre heraus, auf deren Bildschirm sieht man einen nordafrikanischen Mann in Zeitlupe am Strand entlang laufen vor der Kulisse eines bewegten Meeres.Der Titel "EXODUS" (griech. Auszug) erinnert unter dem etymologischen Aspekt an die biblische Flucht des "auswählten Volkes" der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit, in das versprochene Land Israel. Ein wichtiges Kriterium dieser biblischen Episode ist die Durchquerung des Roten Meeres zu Fuß, nachdem Moses mit Gottes Hilfe das Wasser geteilt hat.

Natürlich leben wir heute in einer ganz anderen Realität, die sich sehr von der biblischen und mythologischen Welt unterscheidet aufgrund einer komplexeren ökonomischen, politischen und sozialen Struktur.Meiner Meinung nach ist es noch möglich, die biblischen Konzepte von Flucht, Freiheit und Sklaverei im aktuellen Kontext der Phänomene der erzwungenen Migration, des Nomadismus und der Globalisierung anzuwenden. Wenn auch heute, im Unterschied zur Vergangenheit, das Bedürfnis der Freiheit sich nicht mehr im Selbstempfinden als freier Bürger eines Staates oder von Staaten manifestiert, sondern im Selbstempfinden als Bürger der Menschheit oder Bürger der Welt.Die Bewegung in Richtung einer gerechteren Welt äußert sich in drei Formen der Flucht: erstens der erzwungene Exodus als Ausbruch aus der Armut, als Flucht vor der allgemeinen Diskriminierung und vor Krieg. Zweitens der Nomadismus als Form von Widerstand und Ablehnung in Bezug auf die Sklaverei der Entfremdung und der ökonomischen Ausbeutung. Drittens der oniriche Exodus als Form der Flucht in Richtung eines irdischen, konsumistischen Pseudo-Paradieses, vermittelt durch die Medien, die wiederum Formen der Sklaverei hervorruft. Im ersten und dritten Fall führt die Fluchtbewegung von der Deterritorialisierung zur Reterritorialisierung, im zweiten Fall erleben wir eine Beschleunigung der Deterritorialisierung, deren Bewegung nichts mit der Flucht im herkömmlichen Sinne zu tun hat, sondern eine Art von bewusstem Kampf gegen die Sklaverei der Verdinglichung des Menschen ist.Die erste und dritte Form von Flucht sind diejenigen, die mehr der brutalen Ausbeutung und möglichen Tragödien ausgesetzt sind. Es darf nicht vergessen werden, dass Tausende von Menschen in den letzten zehn Jahren im Mittelmeer ertrunken sind(1) oder in Containern erstickt sind oder erbärmlich geendet sind in Prostitution, als illegale Tagelöhner oder im besten Fall in unwürdiger staatlicher Unterstützung, die nicht ein Minimum an menschlicher Würde garantiert. Die zweite Form der Flucht ist jedoch ein tendenziell positives, meiner Meinung nach wünschenswertes Phänomen einer menschlichen, fließenden, kreativen Materie, als bewusster Kampf zur Umsetzung einer anthropologisch praktikablen Utopie.

(1)Mindestens 10.000 Menschen sind Experten zufolge in den letzten zehn Jahren auf dem Seeweg über das Mittelmeer von Afrika nach Europa ums Leben gekommen. Bei einer Anhörung im Europäischen Parlament (EP) Anfang Juli erklärte eine Gruppe von Fachleuten verschiedener Organisationen, bis zu 120.000 Boat-People versuchten jedes Jahr, das Mittelmeer auf der Suche nach einem besseren Leben in den Industrienationen zu überqueren.Ausgabe 06/07 (September 2007)- Fonte: http://www.migration-info.de/migration_und_bevoelkerung/recherche/search_sw.php?cboSW=illegale+Besch%E4ftigung

 

Costantino Ciervo
Berlin, Dezember 2007