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Hermeneutische Anmerkungen zu den Begriffen Kontrolle und Sicherheit -
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Kontrolle und Sicherheit sind Begriffe, die untrennbar verbunden sind mit den Begriffen Herrschaft und Macht.
Das soziale Verhältnis zwischen Herrscher und Beherrschtem wird strukturiert durch ein System der Überwachung, dessen Intensität, Form und Komplexität abhängig ist vom Grad der Konfliktualität, der die entgegengesetzten Bedürfnisse der beiden menschlichen Kategorien (Herrscher/Beherrschte) charakterisiert, und nicht zuletzt von der Ebene der historischen und technologischen Entwicklung des ökonomischen Systems der Produktion und Reproduktion.
Wenn wir als prä-analysiert voraussetzen, dass in einer Gesellschaft die auf einer profitorientierten Ökonomie gründet, die vertikale Machtbeziehung zwischen denen, die von oben das Kommando haben und die Wirtschaft organisieren und verwalten (Multinationale, Manager, wirtschaftliche und finanzielle globale Organisationen usw.) und denen unten (akademisch ausgebildete Lohnempfänger, Techniker, Arbeiter, Hausfrauen, Studenten und Gelegenheitsarbeiter usw.), die ausführen und die Produktion durchführen, - wenn wir als prä-analysiert voraussetzen, dass dieses Machtverhältnis, diese gegensätzlichen Bedürfnisse eine Beziehung der Ausbeutung (und Rebellion) sind, dann verhalten sich Kontrolle und Sicherheit direkt proportional zur quantitativen und qualitativen Ebene des Protests und zur Intensität der Ausbeutung und illegalen Entbehrung von Humanität.
Daraus folgt, dass, wenn man es schaffen würde, die Ausbeutung zu annullieren, die Notwendigkeit der Kontrolle verschwinden würde und die Frage der Sicherheit überflüssig wäre.
Aber welche Formen der Kontrolle gibt es in der gegenwärtigen Gesellschaft? Und welches sind die Formen der Ausbeutung?
Um diese Frage zu beantworten greife ich zurück auf die marxianischen Begriffe der Entfremdung und Verdinglichung. Im Falle der Entfremdung erwägt man einen bewußt/unbewußten Zustand des Individuums, in dem das Wesen (oder Nicht-Wesen) Gestalt annimmt durch den Verlust der partizipatorischen Erfahrung innerhalb des Prozesses der Transformation und Produktion des Objektes (Ware), mit dem konsequenten Verlust des Gebrauchswertes des Produktes/Objektes, an dessen Stelle einzig/absolut der Tauschwert tritt.
Kurz und gut, man konsumiert körperlich und geistig, ohne zu wissen (bewußt) was und wozu konsumiert wird; man produziert körperlich und intellektuell, ohne zu wissen (bewußt) wie und warum man produziert.
Der Mensch entfremdet sich vom Objekt der Arbeit, von der Objektivierung der Arbeit, von der Natur und schließlich von ihm selbst.
Im zweiten Falle (der Verdinglichung) erwägt man menschliche Verdinglichung, ein Zustand des Seins, in dem die Affekte, die Subjektivität eines Individuums, verkörpert sind in einem Zyklus der Produktion, Zirkulation, des Tausches und Konsums ebenso wie irgendeine Ware mit dem konsequenten Effekt eines totalen Verlustes der Identität. Der Mensch wird zum Objekt unter den Objekten, das heißt zur res (von lat. Ding).
In einer Situation der Entfremdung und Verdinglichung ist das Individuum lenkbar, konditionierbar, plagiierbar. Sein Wille, seine Bedürfnisse hängen wenig von ihm selbst ab, wenn sie überhaupt von ihm abhängen, dann entspringen sie aus einem kulturellen, wirtschaftlichen Kontext, in dem die Werte diametral entgegengesetzt sind zur Kreativität, Selbstlosigkeit, Partizipation, Solidarität, Liebe, Austausch, Kooperation, Wissen, Verbindlichkeit und Verteilung.
In einer Situation der Entfremdung und Verdinglichung ist das Individuum lenkbar, da sein Wille, seine Bedürfnisse von höheren Notwendigkeiten getrieben werden. Wer aber hat Interesse daran, so einen totalen Einfluss auf ein anderes Individuum auszuüben? Und was sind diese höheren Notwendigkeiten? In einer Gesellschaft, in der das höchste Ziel, der höchste Wert schlechthin, das ökonomisch-kulturelle Triebwerk schlechthin der Profit ist, übersetzt in die Termini von Geld und Herrschaft, in dieser Art von Gesellschaft ist es für denjenigen der verwaltet, organisiert und den absoluten Verkaufswert anstrebt, von existenzieller Wichtigkeit, sich kontinuierlich der Kontrolle über alles was produktiv ist zu vergewissern.
Wir wissen, dass beim Übergang vom Fordismus zum kognitiven Kapitalismus das Hauptinstrument des Gewinns nicht mehr die an das Fließband, die Maschine gebundene Arbeitskraft ist, sondern das Gehirn selbst. Also muss die Kontrolle, eher als über den Zwang des Körpers an die Maschine vor allem über das Eindringen in den Verstand, die Intelligenz, die Imagination erfolgen.
Die Subjektivität muss soweit penetriert werden, bis diese Objekt der eigenen Reproduzierbarkeit in Begriffen der Bio-Ökonomie wird. Das Subjekt hat die Fabrik verlassen und das Leben, die ganze Gesellschaft wird Maschine, Fabrik.
Die kollektive Intelligenz ist also neue Arbeitskraft, Differenzierung wird Homologation, Kausalität wird Notwendigkeit (im deterministischen Sinn).
Heute ist die Produktion bezweckte Information und Kommunikation, und die offizielle Politik, auch der Opposition, hat sich immer mehr gewandelt zu einem Glied einer komplexen, internationalen Organisation von Kommunikation, Kontrolle und Propaganda.
Nicht von ungefähr sind die Argumente der gegensätzlichen politischen Lager, repräsentativ für diese Art von Demokratie, sehr ähnlich, wenn nicht sogar konkurrierend in der Absicht, die typischen Konzepte einer profitorientierten Wirtschaft besser zu vertreten: Arbeit, Verdienst, Autorität, Ordnung, Respekt, Markt, Konkurrenz, Erziehung, Opferbereitschaft und Belohnung.
Ich möchte geltend machen dass, wenn wir auch im Foucaultschen Sinne von einer disziplinären Gesellschaft (autoritär) in eine totalitäre Gesellschaft übergegangen sind, die Kontrolle nie absolut ist und sein wird, denn der Mensch ist per definitionem hybride, differenziert, analog, komplex und als solcher ist er nicht absolut kontrollierbar.
Auch wenn es nur zu wahr ist, dass die kollektive Intelligenz in einem an die Regeln des Profits gebundenem, internationalem produktiven System vernetzt ist, existiert dagegen in Kontraposition ein Teil dieser Intelligenz, der sich der Kontrolle entzieht (sonst wäre ich nicht hier am schreiben).
Sie produziert internationale Vernetzungen von kooperierenden Gegeninformationen, entwickelt Software mit freien Zugangscodes, verteilt und produziert Wissen im network, organisiert und kreiert alternative Arbeit und Technologie, gründet Kreditsysteme die nicht nach am Prinzip des Zinsinteresses sondern an Solidarität orientiert sind, partizipiernde urbane Pläne, realisiert Kunstausstellungen zu Themen der befreienden Imagination...und so weiter.Die Frage, die man hier aber stellen könnte ist: Wenn aber die Macht, die Herrschaft, der Profit, die Entfremdung, die Verdinglichung Elemente sind in Korrelation zur Kontrolle, zum Verlust der Freiheit, der Identität, ist es dann möglich, sich eine Gesellschaft vorzustellen, die, wenn sie einmal den Kapitalismus überwunden hat, in der Lage wäre, die schädlichen Mechanismen von Macht und Herrschaft, die ein für allemal hätten besiegt werden sollen, nicht wiederherzustellen?
Die Antwort, meiner Meinung nach affirmativ, soll ausgehend von dem Konzept von Wesen und Sein gesucht werden um dann über zu gehen zu der Spezifizierung des Übergangs vom fordistischen Kapitalismus zum kognitiven Kapitalismus. Das Wesen eines Tieres ist das des Jagens, Sammelns und Verzehrens in und von der Natur, das, was die Natur anbietet; das Ziel ist die Befriedigung der Urbedürfnisse, das heißt sich zu ernähren, um zu überleben und sich fortzupflanzen.
Der Akt der Gewalt ist vorherrschend, notwendig: die Macht und die Herrschaft des Stärkeren, der das schwächere oder kleinere auffrisst. Sein Wesen besteht in der Objektivierung des Prozesses der Aneignung und Verzehrung der Beute (wenn es ein Fleischfresser ist), oder des Nehmens und Verzehrens von Vegetation (wenn es ein Pflanzenfresser ist), abgesehen von jeglichen externen Interventionen der Transformation der Natur. (Es scheint als wären unter den Tieren nur die Ameisen, nach der menschlichen Spezies, dabei zu beginnen, bewusst Land zu kultivieren). Das Tier nimmt also von der Natur, aber transformiert sie nicht.
Der Mensch hingegen jagt nicht in der Natur, sondern transformiert sie bewusst, mit dem Ziel das Produkt seiner Handlung zu ernten. Diese Handlung der Transformation mittels Technologie und bewusste Organisation heißt Arbeit (Kreativität) und ist Ur-Grundlage der intellektuellen (und körperlichen) Entwicklung und zugleich die Essenz des Seins.
In einer prä-kapitalistischen Phase ist der Rapport von Herrschaft und Macht zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern, innerhalb der Organisation der einfachen Produktion, in einer Ökonomie die aus dem Tausch des Gebrauchswertes der Ware basiert, dessen Zyklus Ware-Geld-Ware ist, - ist dieser Rapport von Herrschaft, Kontrolle in seiner Art autoritär, disziplinär, hierarchisch.
In dieser Situation besteht die Nachfrage nach dem Wesen eines Ausgebeuteten darin, im ersten Moment, in der intuitiven und natürlichen Wiedererkennung der eigenen Kondition von Sein als Sklave, Knecht, Bauer oder im besten Fall Handwerker.
Nach der Wiedererkennung entsteht/erwacht das Bedürfnis, auch in Erkenntnis der Masse der Ausgebeuteten, die intellektuelle und affektive Energie zu befreien.
Die Bewusstwerdung darüber, eine Macht zu besitzen, weil man Multitude ist, eine Macht, die in Rebellion übersetzt sie im Laufe der Geschichte führen wird, durch die Entwicklung der materiellen Zustände der Produktion, der Kultur und der Technologie (die Konflikte und der Krieg werden die technologische Entwicklung beschleunigen), führen wird zum Umsturz der Aristokratie, zur Geburt des Bürgertums und des Rechtsstaates.
Nach einer fortgeschrittenen Handelsphase erreicht die Produktion eine Stufe der Akkumulation des Kapitals, die bis dahin nicht erreicht wurde, dank des tayloristischen Einsatzes der Erfindung der Dampfmaschine, des Verbrennungsmotors, der Elektrizität, des Radios, die Produktion geht von einer Handwerksgesellschaft basierend auf dem Tausch des Gebrauchswertes (Ware-Geld-Ware) - über in eine Industriegesellschaft, basierend auf dem Tausch des Tauschwerts der Ware (Geld-Ware-Geld), wobei der Zweck (des Tausches) nicht der Gebrauchswert der Ware ist, sondern das Geld selbst: der Profit, der Gewinn.
In dieser Phase, von genau da an, beginnen die Entfremdung und die Verdinglichung die menschliche Kondition zu charakterisieren, das menschliche Wesen verliert seinen ontologischen Inhalt.
Im ersten Moment in der Phase des fordistischen Kapitalismus, baut sich die Kontrolle auf der Ebene der Disziplin auf. Der Lohnarbeiter bleibt gefangen in der Fabrik und das Wissen bleibt im fixierten Kapital und innerhalb der Organisation des Managements des Unternehmens. In einer folgenden Phase der Arbeitskämpfe für den Wohlfahrtsstaat, für mehr Lohn, für die Aneignung von Wissen der 50er bis 80er Jahre des letzten Jahrhunderts stürzt die Beziehung zwischen fixiertem Kapital und Lohnarbeit in eine Krise, und drängt die Wirtschaft in einen Prozess der Destruktualisierung, der in eine neue Phase der Öffnung der Beziehung von Kapital-Arbeit führen wird, gefolgt von der Wiederkehr der Kräfte der kognitiven Dimension der Arbeit und der Konstruktion einer diffusen Intellektualität (Antonio Negri/Carlo Vercellone).
Das Kapital geht über von der benötigten Kontrolle und Disziplin der Fabrik zu einer totalisiernden globalen Kontrolle. Hier befinden wir uns einem qualitativ neuen und potentiell bestimmten subversiven Faktor gegenüber im Vergleich zur fordistischen Periode: die Mondialisierung des kollektiven Wissens. Die Befreiungsreaktion auf die Verdinglichung und Entfremdung ist auf der mondialen Ebene präsent und nicht mehr eingegrenzt durch die Tore der Fabrik und die Grenzen der Nation. Wenn das kollektive Wissen befreit ist vom Zwang des Gewinns, kann die Kommune kreieren (was Marx Kommunismus genannt hätte).
Um den ontologischen Inhalt zurück zu gewinnen, oder besser gesagt in einem fortschrittlichen technologischen Kontext zu reformieren, müssen der Wesensinhalt, die Humanität, die Multitude, die Biopolitik sich wieder aneignen, was von der Wirtschaft des Profits größtenteils unter Kontrolle gesetzt wurde: das Gehirn, die Intelligenz, die Affekte, den Körper.
Die Wieder-Information, die kulturelle Stimulation, die Ausübung alternativer Lebensweisen, die Gewaltlosigkeit, das bewusste Wissen, werden aktive Kräfte, Potenzial um den existierenden wirtschaftlichen vicious circle (Teufelskreis) von Geld-Wissen-Geld umzukehren in einen virtuosic circle von Wissen-Geld-Wissen. Wobei das Geld wieder zum Mittel und nicht mehr zum Zweck des Wissens wird (die Kommune).
Auf diesem Weg wird die Kunst, sofern sie nicht ideologisch, nicht konstitutiv, nicht mystifizierend ist sondern authentische Valenz der Erkenntnis, als eine Wahrhaftigkeit (Inhalt von Wahrheit), die sich in der Fähigkeit offenbart, den Mechanismen der totalitären Organisation der Gesellschaft zu entgehen, indem sie die erbarmungslose Unmenschlichkeit des Systems anklagt (Adorno), auf diesem Weg wird die Kunst eine besonders wichtige Rolle übernehmen.Es ist also sicher möglich, sich ein rationales Wunder vorzustellen, durch das der Mensch in der Arbeit mit der äußeren, und in der Kunst mit der inneren Natur versöhnt wird. (Darrow Schecter)
In dieser Dimension nehmen die hermeneutischen Begriffe von Kontrolle und Sicherheit eine total andere Bedeutung an und sind vielleicht als Worte völlig überflüssig.Costantino Ciervo - Berlin 26-5-08