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"Legality/Legitimacy", 2009 (Auflage: 3 Exemplare)
Video-Objekt, Mini TV, Holz, Stapel Druckpapier aus ca. 500 Seiten, Mediaplayer.
27,3 x 20,9 x 27,8 cm.In einem der vielen Gespräche, die ich mit Darrow Schecter geführt habe, sagte mir Darrow, der sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit dem Thema (Neo-) Marximus und den Theorien von Befreiungsmöglichkeiten beschäftigt, dass der - praktisch auch umsetzbare - Idealfall die Versöhnung zwischen Legalität und Legitimität wäre.
Unter Legalität versteht man Staat, Normen, Gesetze, Ordnung, Regeln, Nation; während man unter Legitimität Bedürfnisse, Körper, Sexualität, Freiheit, Natur versteht. Es ist klar, dass im schlimmsten (Not-)Fall, wenn diese Versöhnung nicht stattfindet, die Legalität stets in Faschismus, Nötigung, Ungerechtigkeit, Gewalt, Rassismus etc. umkippen kann. In einem subtilen Gewand aber auch in Verdinglichung, Instrumentalisierung und Totalitarismus der Ökonomie *1, die sich heute in der Realität, im Leben offenbaren.
In dieser Arbeit habe ich versucht, durch eine symbolische visuelle Sprache den Hauptkonflikt zwischen Freiheit und Normen darzustellen. Dabei sowohl den Notfall durch den "Hitlergruß", als auch den subtilen Fall zu verdeutlichen.
Freiheit ist nicht selbstverständlich. Sie erfordert den den Menschen innewohnenden Anstand; sie erfordert eine Art von Anstrengung, die die nackte Entfaltung der Bedürfnisse des Körpers braucht und den bewußten Querstand *2 des Kopfes (Vernunft).
*1-Unter Ökonomie versteht man hier eine Reduzierung des Menschen auf ein Wesen, das allein nach Profitmaximierung in seinen materialistischen Interessen strebt
*2-Symbolisiert durch den Mann oder die Frau, die jeweils den Kopfstand ausführen, ihren Willen zeigen, ihre Nacktheit, die Sinnlichkeit des Körpers und den Willen, bewusst zu denken, sich zu informieren und zu handeln.
Costantino Ciervo- November 2010
Legalität, Legitimität, und die ästhetische Dimension der Freiheit: Überlegungen zur Beziehung zwischen Wissen
und Politik in Costantino Ciervos neueren ArbeitenText: © Darrow Schecter, 2007
Übersetzung: Diana GöbelDarrow Schecter: Reader in the School of Humanities University of Sussex, Brighton, England
Vom Standpunkt der modernen politischen Theorie aus lassen sich drei zentrale Freiheitsbegriffe unterscheiden. Der erste bezieht sich auf die Freiheit fallender Körper, d.h. die in der Mathematik, Astronomie, Physik und anderen Wissenschaften untersuchte sogenannte mechanische Freiheit. Der zweite betrifft die im Tierreich vorhandene Freiheit, die sich auch als Gesetz des Stärkeren oder räuberische Freiheit bezeichnen lässt und den Gegenstand der Botanik, Biologie, Zoologie, Chemie und anderer Naturwissenschaften bildet. Diese ersten beiden Freiheitsbegriffe beziehen sich auf in entscheidender Hinsicht höchst unvollkommene Arten von Freiheit, da sie weiterhin sehr eng mit Notwendigkeit und damit der Antithese der Freiheit verbunden sind. Die Freiheit fallender Körper ist verhältnismäßig primitiv und eindimensional, insbesondere wenn man in Betracht zieht, dass damit nicht mehr als der ungehinderte freie Fall gemeint ist. Räuberische Freiheit beruht auf einem irrationalen, verzweifelten, und in vieler Hinsicht ahistorischen Überlebenstrieb, der, positiv ausgedrückt, dem Instinkt und dem sogenannten Naturgesetz nahe steht. Insofern liegt in der freiheitsbeschränkenden Rolle der natürlichen Notwendigkeit nach wie vor eine wesentliche Dimension der ersten zwei FreiheitsbegriffeDie Zweideutigkeit von Natur und natürlicher Notwendigkeit ist von wesentlicher Bedeutung für jede Diskussion von Politik und Kunst in Costantino Ciervos neuerem Werk. Zweideutigkeit deshalb, weil Natur einerseits für Überfluss, Schönheit, Lebenskraft und insbesondere Spontaneität steht, d.h. eine Reihe positiver Eigenschaften, die im folgenden als Natur 2 bezeichnet werden sollen, andererseits aber auch für Hunger, Aggression, Furcht, Krankheit, Knappheit und Willkür im juristischen Sinne, d.h. eine Reihe von negativen Eigenschaften, die ich im folgenden Natur 1 nennen will. Die Herausforderung für den dritten Freiheitsbegriff liegt darin, eine Theorie und eine institutionelle Praxis politischer und künstlerischer Freiheit zu formulieren, die sich qualitativ von den die Bewegung fallender Körper und die Reaktionen von Pflanzen und Tieren auf Reize wie Hunger und Bedrohung kennzeichnenden Halbfreiheiten unterscheidet. Dieser dritte Freiheitsbegriff bezeichnet eine spezifisch menschliche Art von Freiheit und wirft aus im Folgenden näher erläuterten Gründen in Bezug auf politische und ästhetische Theorie die Frage der Legitimität auf.Aus dieser Herangehensweise ergibt sich eine Reihe von Konsequenzen. Während die Ansätze der mathematischen und naturwissenschaftliche Disziplinen für Forschungsbereiche angemessen sein mögen, in denen verschiedene Arten natürlicher Notwendigkeit die Möglichkeit von Freiheit entscheidend beschneiden, verlangt die Auseinandersetzung mit Legitimität eine qualitativ andere Art von Untersuchung mit einer qualitativ anderen Form von Wissen als Ergebnis. So kann die analytische und naturwissenschaftliche Forschung im Allgemeinen von einem relativ unproblematischen Begriff von Ursache und Wirkung ausgehen, wobei normalerweise ein linearer Zeitbegriff benutzt wird. Im Gegensatz dazu hängt die Realität des dritten Freiheitsbegriffs, und damit die Wirklichkeit von Legitimität, von einem anderen Zeitbegriff ab, einem Zeitbegriff, der sich nicht auf die lineare, von Ursache und Wirkung bestimmte Zeit beschränkt, welcher die ersten zwei Freiheitsbegriffe und Natur 1 kennzeichnet. Diese abstrakte Argumentation wird schlagartig konkret, wenn man sie auf den Begriff der Gerechtigkeit bezieht. In den engen Grenzen einer linearen Zeit kann Gerechtigkeit im Grossen und Ganzen nur bestrafen oder, im besten Falle, umverteilen. Ein tiefergehender Gerechtigkeitsbegriff muss über Gerechtigkeit als Strafe hinausgehen und den Gedanken von Gerechtigkeit als Wahrheit miteinbeziehen. Dies setzt ein kritisches Verständnis der pluralen Temporalität politischer und ästhetischer Wirklichkeit voraus. Solange die Untersuchung von Gerechtigkeit und Legitimität in einen gerade noch tolerierten Zweig der politischen Wissenschaft verbannt wird, werden ihre Ergebnisse in aller Wahrscheinlichkeit auf rein ideologische Behauptungen beschränkt bleiben und nicht über Freiheits- und Zeitbegriffe hinausgehen, wie sie den oben umrissenen ersten beiden Freiheitsformen eigen sind.
Die Herausforderung menschlicher, politischer Freiheit liegt darin, eine Form von Freiheit zu schaffen, welche es Bürgern erlaubt, natürliche Notwendigkeit (Natur 1) zu transzendieren, ohne damit von natürlicher Spontaneität und natürlicher Harmonie (Natur 2) abgeschnitten zu werden. Dies ist nicht einfach, denn jede Transzendenz natürlicher Notwendigkeit ist gleichzeitig auf Natur angewiesen - ihre Grundlage ist die Transformation von Natur durch Arbeit. Ein Transformations-/ Transzendenzprozess durch Arbeit (Mittel), der die Möglichkeit von Freiheit (Zweck) auf vernünftige Weise (nicht durch Manipulation, Klientelismus, Ideologie, unreflektiertes Handeln usw.) sichert, kann sowohl legal als auch legitim genannt werden. Das Problem des Klientelismus und anderer Formen korrupter Umverteilung ist von wesentlicher Bedeutung. Es ist wirtschaftlichen Formen eigen, die nur teilweise die Grundlage für die Transzendenz natürlicher Notwendigkeit schaffen; solche Wirtschaftsformen transzendieren Notwendigkeit auf ungleichmäßige und unberechenbare Weise. Sie verwandeln natürliche Notwendigkeit in gesellschaftliche Macht und verlagern damit das Problem, statt es zu lösen. In dieser Eigenschaft reproduzieren sie eine vermittelte Form der Notwendigkeit, die Menschen daran hindert, frei zu sein. Die diesen Wirtschaftsformen zugrundeliegenden Gesetze entsprechen daher in entscheidenden Hinsichten eher Befehlen und Kommandos als dem Ideal eines rationalen Rechts. Sie haben mehr Ähnlichkeit mit vorrechtlichen Formen vormoderner, irrationaler Autorität als mit modernem, rationalem, legitimem Recht (etwas, wonach radikale Theorie und Praxis streben, auch wenn es in Wirklichkeit erst noch entstehen muss). Was ist daraus zu folgern? Legitimes Recht setzt eine Wirtschaftform voraus, die Mensch und Natur versöhnt, statt zu versuchen, sie zu verschmelzen oder zu trennen. Weder Verschmelzung noch Trennung können die Menschheit über die ersten beiden Freiheitsbegriffe und über Natur 1 hinausführen, denn Verschmelzung würde menschliche Freiheit auf das Niveau räuberischer Freiheit reduzieren, während Trennung sie ihrer Lebenskraft berauben und töten würde. Eine versöhnende Wirtschaft wäre von einer Form, die Denker wie Karl Marx, Antonio Gramsci, G.D.H. Cole, Ernst Bloch und andere wahrscheinlich als kommunistisch oder libertär-sozialistisch bezeichnen würden.
Es ist zweifellos kontrovers, zu behaupten, dass die Möglichkeit politischer anstelle mechanischer oder räuberischer Freiheit von der Einsetzung eines libertären Sozialismus abhängt, welcher natürliche Notwendigkeit abschafft, ohne sie als soziale Macht und Furcht wiederauferstehen zu lassen. Es mag vielen undialektisch erscheinen, das Positive der Spontaneität erhalten zu wollen, während man gleichzeitig Aggression und andere negative Auswirkungen derselben Spontaneität abzuschaffen sucht. Das Argument für einen libertären Sozialismus als legitimes Recht bedarf in jedem Fall einer ausführlicheren Erörterung, als sie im Rahmen eines kurzen Essay und einer Ausstellung von Ciervos Arbeiten möglich ist. An dieser Stelle soll lediglich nochmals betont werden, dass die Herausforderung für die moderne politisch-ästhetische Theorie und Praxis in dem Projekt einer rationalen und wahrhaft demokratische Form von Legalität besteht. Eine solche Legalität sichert die größtmögliche Transzendenz von Notwendigkeit für alle Bürger, im Gegensatz zu einer irrationalen und ideologisch demokratischen, d.h. hegemonischen und populistischen Legalität, welche Knappheit in der Form von gesellschaftlicher Herrschaft, Macht, Furcht und Entfremdung reproduziert. Damit tritt die Methodenfrage wieder voll in den Vordergrund: dieses Projekt macht es notwendig, der Beziehung zwischen Mensch und Natur auf einfallsreiche und kreative Weise zu begegnen. Dabei kann viel von Philosophie und Ästhetik gelernt werden. Wie Sie in den hier ausgestellten Arbeiten sehen können, leisten Ciervos neuere Installationen einen wesentlichen Beitrag dazu, die ästhetisch-politische Dimension dieses Problems zu erhellen.
Dem Problem der menschlichen Freiheit im rechtlichen und politischen Sinn entspricht eine philosophische und ästhetische Debatte über die Stelle des Menschen in der Natur. Der Mensch ist ein Teil der Natur, ohne jedoch auf Natur reduzierbar zu sein, und so nimmt die Menschheit eine gegensätzliche, dialektische Position ein, gleichzeitig in und außerhalb der Natur. Kant, in Erwiderung auf Empiriker und Rationalisten, weist als erster Philosoph systematisch darauf hin, dass die Beziehung zwischen Mensch und Natur dialektisch ist, und nicht dualistisch (Trennung von Mensch und Natur) oder identisch (Verschmelzung von Mensch und Natur). Kant geht nicht soweit, zu sagen, dass Mensch und Natur versöhnt werden können, statt verschmolzen oder getrennt zu werden. Stattdessen geht er davon aus, dass die Grenzen des Wissens (wir können nur formales Wissen der uns erscheinenden Phänomene erlangen, kein Wissen der Dinge selbst) den Grenzen der Freiheit (wir können nur negative Freiheit vor den Eingriffen anderer haben, keine rationale Form positiver Freiheit) entsprechen. In der Formulierung seiner Theorie von Recht und Autonomie legt er nahe, dass es gut möglich ist, dass die oben skizzierte dritte Art von Freiheit nur um den Preis der Trennung der Menschheit von der Spontaneität und willkürlichen Unberechenbarkeit der Natur erreicht werden kann. Der Preis der kantischen Autonomie von natürlicher Knappheit und Spontaneität ist die Verbannung von Bedürfnissen, Impulsen und Trieben aus dem Bereich dessen, was als vernünftig und mit rechtlicher Universalität im Einklang stehend betrachtet werden kann. Eine Vernunft, die sich nicht von diesen vorrationalen (in diesem Zusammenhang eventuell auch natürlichen) Gefühlen trennt, bleibt auf dem Niveau von Natur 1. Daher behauptet Kant, dass menschliche Freiheit, so sie vernünftig und nicht willkürlich sein soll, nur auf den äußerst begrenzten und minimalen Gelegenheiten beruhen kann, an denen es einer universellen, rechtlichen Vernunft gelingt, einen schwachen und flüchtigen Kontakt mit der Natur 2 herzustellen. Daraus ließe sich schließen, dass Kant zwar die Philosophie über die Empirie und den Rationalismus hinausführt, aber dass er mit seinem Minimalbegriff von Vernunft jedoch die Tür dafür öffnet, was Max Weber als Übergang von der Vernunft der Aufklärung zur Rationalisierung der fortgeschrittenen Industrialisierung analysiert, nämlich Vernunft als reine Überlebensstrategie und instrumentelle Kalkulation (in großem Maße ein Rückzug auf in Gesetzen kodifizierte räuberische Freiheit).Aus einem anderen Blickwinkel gesehen weist Kant jedoch aufmerksame Leser auch darauf hin, dass die Menschheit sich weder auf Natur reduzieren lässt (aus Gründen von Bewusstsein, Vernunft, und die menschliche Fähigkeit zu rationaler Setzung eigener Gesetze), noch von der Natur getrennt lebt (aus Gründen von Instinkt, Trieben, Verlangen, Leidenschaften und, letzten Endes, dem Problem aller Natur, der Sterblichkeit). Ein kritisches Wiederlesen Kants jenseits von Marx und Freud [?] in der Debatte über die drei Formen von Freiheit wirft eine Reihe von wichtigen Fragen auf, die Ciervo in sehr aufmerksamer und sensibler Art aufgreift. Können Instinkt und Lebenskraft (und analog dazu eine vorlegale, spontane Legitimität, die keine Transzendenz sichern kann, und oft in der Form eines natürlichen Nationalismus von der Macht manipuliert wird) von neuen praktischen Vernunftformen (revolutionierte Arbeit, künstlerische Innovation, eine neue Wirtschaftsform für alle Bürger) praktisch umgestaltet [?] werden, ohne diese Impulse durch repressive Sublimation und rationalisierte Disziplin (repressive Gesetze, die zutiefst fehlerhafte Formen von Transzendenz sichern und gleichzeitig ein erschreckend hohes Konformitätsniveau bis hin zu genetische Identität festschreiben) zu deformieren? Ist es möglich, Marx als einen Theoretiker der kollektiven legalen Transzendenz äußerlicher Notwendigkeit (im Arbeitsprozess transformierte Natur der Außenwelt) anzusehen, und Freud und Nietzsche als Theoretiker der inneren, individuell-legitimen Notwendigkeit (durch Kunst transformierte innere Natur des einzelnen Menschen)? Heißt das, wie es die bestehende gesellschaftlich-wirtschaftliche und politische hegemonische Ordnung in Europa und Nordamerika nahe legt, dass die kollektive Forderung nach Legalität unweigerlich mit der individuellen Forderung nach Legitimität in Konflikt geraten muss? Und muss sich rationale Legalität deshalb auf die private Aneignung der äußeren Natur beschränken (Privateigentum), wie Kant behauptet, während rationale Legitimität nur Künstlern zugänglich ist, wie Freud und manchmal Nietzsche meinen? Oder gibt es eine Möglichkeit, individuelle und kollektive Notwendigkeit zu transformieren und transzendieren, in einer Form von individuell-kollektiver Bejahung und Selbstüberwindung, d.h. einer weder populistischen noch nationalistischen, sondern legitimen und auf gewisse, wesentliche Weise echten und wahrhaftigen Form von Freiheit?
Eine Reihe von Überlegungen zur Ästhetik, verbunden mit einer Reihe von Überlegungen zur Legalität und Legitimität kann unvermutete Einsichten und vorläufige Reaktionen hervorbringen. Dem Verständnis von Kunst als Mimesis zufolge ist Kunst eine geradezu magische Praxis, in der Farben, Klänge, Worte und andere sichtbare und hörbare, aber in entscheidender Weise nicht wirklich vorhandene (aufgrund der in gewisser Hinsicht willkürlichen und in jedem Fall unendlich variablen Formwahl) Formen (Mittel) notwendig sind, um etwas darzustellen, was nicht direkt und unvermittelt sichtbar oder hörbar, aber dafür wirklich vorhanden ist (Zweck). Dies scheint paradox, da die Form sowohl als notwendig und als zufällig angesehen wird. Aber nach näherer Betrachtung möchte man sagen, dass es sich hier eher um so etwas wie ein rationales Wunder haltet. Dieses Wunder kann veranschaulicht werden am Beispiel von Michelangelos Fähigkeit, uns etwas sehen zu lassen, dass nicht gesehen werden kann (la carne), indem er uns etwas zeigt, dass gesehen werden kann (il corpo). Analog lässt sich sagen, das Legitimität der inneren menschlichen Natur und la carne, und Legalität der äußeren Natur und il corpo entspricht. Dies bringt uns zurück zur Freiheitsfrage und dem Methodenproblem. Freiheit besteht darin, la carne (künstlerische Freiheit, Wahrheit) zu befreien [entbinden ?], aber dies ist unmöglich ohne il corpo (künstlerische Mittel, Nicht-Wahrheit). Im Gegensatz zum alltäglichen Sprachgebrauch und zur empirischen Methodologie der ersten beiden Freiheitsbegriffe ist die Beziehung zwischen Wahrheit und Nicht-Wahrheit in diesem Zusammenhang in keinster Weise antithetisch sie ist künstlerisch. Die Romantiker hatten eine nicht unähnliche Einsicht wenn sie darauf bestanden dass Schönheit Wahrheit sei, d.h. dass Schönheit mehr ist als bloße Form. Aber Schönheit ist weder schön noch wahr, sobald sie sich in den Dienst der Macht und künstlich konstruierter Notwendigkeit im Gewand unterdrückerischer gesellschaftlich-wirtschaftlicher, politischer und kultureller Institutionen stellt. Die Romantiker waren im Grossen und Ganzen politisch naiv, und viele unter ihnen glaubten an eine unvermittelte Verschmelzung von Mensch und Natur. Costantino Ciervos Werk ist politisch radikal und hinterfragt die künstlerischen und politischen Bedingungen eines rationalen Wunders, durch das der Mensch in der Arbeit mit der äußeren, und in der Kunst mit der inneren Natur versöhnt wird. Statt alte Ideen auf neue Weise wiederaufzutischen, versucht er, die Formen der Vermittlung zwischen Mensch und Natur mit einem neuen Sinn der Dringlichkeit und Möglichkeit zu betrachten.
Text: © Darrow Schecter, 2007
Übersetzung: Diana GöbelDarrow Schecter
Reader in the School of Humanities
University of Sussex, England